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Ein Ferienhaus bei Caserta?



Caserta, ein Königsschloss, das grösste Europas nach Versailles. Ein fabelhafter Park, Wasserspiele, in deren Brunnen hundertjährige Karpfen leben. Caserta, einen Katzensprung von Neapel entfernt, von Pompeji, Herculaneum und Sorrent. Ein Traum. Wenn nur die Camorra nicht wäre.

"In zwanzig Jahren werden sie alle tot sein". Sie, das sind die Einwohner vieler Gemeinden in der Provinz Caserta. "Sie werden alle an Krebs sterben", sagte Carmine Schiavone, einer der es wissen muss. Die Camorra, die Mafia von Neapel und der Region Kampanien, hat im Boden des Casernitano rund eine halbe Milliarde Tonnen giftiger Abfälle verbuddelt, an deren Beseitigung sie glänzend verdient hat. Wenn ein Landwirt sich weigerte, sein Land zur Verfügung zu stellen, wurde er mit dem Tod bedroht.

Schiavone war einer der Bosse der Casalesi, der mächtigen Camorra von Casal di Principe, bevor er der Polizei ins Netz ging und als 1997 pentito, als gewendeter Kronzeuge vor einem Parlamentsausschuss auspackte. Seine Aussagen wurden erst jetzt deklassifiziert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ein Mini-Fukushima im Provinzformat. Im Prinzip müssten weite Teile des Casernitano geräumt, die Menschen umgesiedelt werden. Aber wie und wohin? Der Giftmüll müsste ausgegraben und beseitigt werden, wie es in Bitterfeld/Wolfen in der ex-DDR geschah. Ein Programm, das dutzende Milliarden Euro denjenigen kosten würde, der sich zuständig fühlt. Die Regierung von Kampanien? Rom? Brüssel?

Rom hat andere Sorgen als die Lebenserwartung der Bewohner der Provinz Caserta. Die Opfer zweier verheerender Erdbeben warten noch, dass ihnen die Regierung so hilft, wie sie es leichtzüngig versprochen hat. So wird Caserta, sobald die Wahrheit eingesunken ist, die Gegend werden, in der am billigsten von ganz Italien Ferienhäuser zu haben sind.

Immerhin fahren seit Jahren bewaffnete Carabinieri-Patrouillen in den verdächtigen Gebieten nächtlich Wache, um weitere Müllvergrabungen zu verhindern. Inwieweit diese ungewöhnliche Massnahme Erfolg hat ist ebenso wenig bekannt wie die Rate der Krebssterblichkeit der letzten Jahre im Casernitano.

Nicht nur die Casernitaner sind betroffen, sondern auch ihre Agrarprodukte. Die Tomaten zum Beispiel. Und vor allem ist der Mozzarella-Käse aus der Milch der schwarzen Büffel belastet, den nicht nur ganz Italien liebt, sondern der gelegentlich auch seinen Weg in deutsche Supermärkte findet. Unter den Böden, auf denen teilweise kein Gras mehr gedeiht, liegen laut Schiavone radioaktive Schlämme, die per LKW aus Deutschland antransportiert wurden. Sollten die Deutschen sie auf ihre Kosten zurücknehmen? Mozzarella di bufala — man kann nur hoffen, dass der Premium-Käse mittels importierter Kuhmilch gefälscht ist.

Caserta, ein Problem, das nicht weggeht. Vor allem, da auch in den anderen Agrargebieten Kampaniens Giftmüll vergraben wurde. Auch entlang der Küste und im See von Lucrino nahe der Phlegräischen Felder wurde der Müll versenkt, wie Schiavone berichtete.

Die Präsidentin der Kammer, des italienischen Unterhauses, Laura Boldrini, hat die Freigabe des geheimen Protokolls bewirkt, "weil wir dies den Bürgern der betroffenen Zonen Kampaniens schulden, die von dieser bewussten und geplanten Umeltkatastrophe betroffen sind." Bleibt jedoch der Skandal, dass Regierung, Parlament und Verwaltung im Einklang mit der Oekomafia den Einwohnern viele Jahre lang die Wahrheit verschwiegen haben.

Immerhin, Laura Boldrini hat den Bewohnern der betroffenen Gebiete das Recht auf Schadensersatz und, soweit möglich, die "Reparatur" der Schäden zugesprochen.

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—— Benedikt Brenner